Anatomie des Billigschwerts, Teil 1

Irgendwann vor vielen Jahren gab es mal bei einem großen Internetversand für Mittelaltersachen ein Wikingerschwert im Sonderangebot. Es sollte einen ganz kleinen Preis kosten und ich wollte mir das mal ansehen. Ob der Provenienz (ich tippe auf Fernost) hatte ich allerdings keine ganz hohen Erwartungen…

Nach dem Ordern kam dann ein schwertähnliches Gerät an, das zumindest von den Proportionen einigermaßen gefällig war, das Gewicht war aber ziemlich heftig. Etwa 1600g, wenn ich mich nicht täusche (die Erinnerung ist etwas verblaßt). Beim ersten Klingenkontakt kam Ernüchterung auf – statt einem einigermaßen metallischen Geräusch gab’s ein dumpfes „Plock“ und die Kopflastigkeit war enorm. Kein Wunder – an der Mitte der Spitze ist das Material satte 6mm dick. Dementsprechend ist die Flexibilität auch eher von der Sorte „Polenstopper“ als in einer Region wie Binns oder gar Berggeist…

Eines schönen Tages wollte ich die wenig hübsche Lederwicklung herunternehmen und etwas weniger sperrige Griffbacken anbringen – die mitgelieferten waren unangenehm eckig. Als das Leder ‚runter war, mußte ich mich doch schon etwas wundern.

Griff eines Billig-Wikingerschwerts aus Stahl

Man siehts jetzt nicht so gut, aber die Griffbacken sind aus Baustahl. Lustig – aber vermutlich aufgrund der ansonsten etwas ungünstigen Gewichtsverteilung (der Knauf war ein wenig schmächtig geraten) notwendig. Und, ahem, die Griffbacken waren nicht nur mit Stahlnieten an die Angel genietet, sondern zur Vorsicht auch nochmal ans Parier geschweißt. Aber dazu gleich mehr.

Das Schwert war zum Kämpfen echt zu schwer, also kam ein bißchen Hanfband um den Griff und ab in die Ecke mit dem Gerät. Bis heute…

Ich möchte ja doch gerne noch einen Schwertsax haben, mich aber ungern beim Isward anstellen oder andere Schmiede beauftragen. Am liebsten selbermachen. Aber da ich davon noch ein bißchen entfernt bin, wollte ich mir das ungeliebte Wikiding als Übungsobjekt herrichten. Also gings mit dem Trümmer ab zu Sascha in die Schmiede.

Dort habe ich als allererstes mal die Schweißnähte von den Griffbacken runtergeflext. Direkt danach wurde auch deutlich, wozu die Nähte da waren – das Parier begann in dem Moment zu klappern, in dem es nicht mehr von zwei Schweißnähten festgehalten wurde. Yeah, so sieht Schmiedekunst aus.

Als die Griffbacken weg waren, haben wir uns mal angesehen, wo der Balancepunkt ohne das eiserne Kontergewicht des Griffs sitzt – siehe Foto. Weiterer Kommentar vermutlich überflüssig…

Balanceakt mit WikingerschwertAlsdann kamen die restlichen Montierungen runter. Es zeigte sich zumindest beim Knauf, daß hier vernünftig gearbeitet worden war – er war sehr gründlich mit der Angel vernietet, so daß ich auch hier mit der Schruppscheibe zu Werke ging. Das Parier hingegen fiel mir ohne seine geschweißten Stabilmacher förmlich entgegen.

Nach der Demontage der Klinge haben wir uns dann wieder meiner neuen Axt zugewandt (dazu vielleicht später mehr). Die nun „nackten“ Klinge haben wir zunächst noch ungläubig angestaunt – da wurde am Material nicht gespart. Ein kurzer Test durch den Fachmann Sascha ergab, daß es sich beim verwendeten Stahl wohl um einen Federstahl (55 Si 7 oder ähnlich) handelt, also bleibt die Hoffnung, daß man vielleicht noch etwas Benutzbares daraus machen kann.

Abschließend noch ein Foto der Klinge ohne Beiwerk – Gewicht nun 800g. Also etwa wie ein Einhänder vom Isward. 😉

Billig-Wikingerschwert ohne Montierungen

Billiges Wikingerschwert aus Asien ohne Montierungen

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