Blechbeschlagene Gürteltasche aus Birka

Ein weiteres Sommer-Herbst-Projekt ist in den vergangenen Wochen trotz Babystreß tatsächlich fertig geworden: Ein blechbeschlagenes Gürteltäschchen aus Birka.

Klappenblech der Tasche aus Birka Bj819

Klappenblech der Tasche aus Birka Bj819 (Foto: SHM)

Bei diesem Exemplar handelt es sich um eine Interpretation der in Grab 819 gefundenen Gürteltasche bzw. des Rests. Gefunden wurde das Taschenblech nebst den Beschlägen, die auf das Blech genietet waren, sowie Reste von Leinen, das in der Tasche wohl Fächer gebildet hat. Die Tasche ist in Birka II, Band 1 sehr gut beschrieben, auf S. 151f. findet sich eine Analyse ihres Aufbaus und ihrer Funktion. Es handelte sich wohl um eine Art Schütt-Tasche, um Hacksilber und Kleingeld aufzubewahren, und ich habe mich mangels anderer Einsatzmöglichkeiten auch bei meinem Versuch einer Reproduktion an diese Funktion gehalten.

Grab 819 war übrigens ein Männergrab, wenn man das so nennen darf – die begrabene Person war vermutlich ein Junge. Die Tasche hatte keinen Inhalt, zumindest keinen, der bei der Ausgrabung noch vorhanden gewesen wäre.

In Birka II, Band 1 findet sich folgende Beschreibung der Tasche (S. 151 ff.):

Die Tasche aus Bj 819 (Taf. 129:1) ist aus Leder; sie besteht aus einer Vorder- und einer Hinterseite, zwischen denen rundum (U—förmig) ein Streifen festgenäht ist, um die Tasche geräumiger zu machen. Die Hinterseite ist höher als das Vorderteil und wurde über das letztere geklappt. Auf dieser Verlängerung der Hinterseite – der Klappe – war die Metallplatte mit Hilfe einer Bronzerippe auf der Unterseite festgenietet. Die Metallplatte aus Bronze besteht aus zwei Hälften, deren Fuge auf der
wird. An den Kanten sind Bronzeschienen mit Längsfurchen und Spuren von Weissmetallbelag festgenietet. Die ganze Fläche ist mit dicht gestempelten kleinen Dreiecken verziert. Die Klappe ist mit Leinen gefüttert.

Sörling weist darauf hin (1939, 54), dass die Tasche wie ein Portemonnaie für Kleingeld, ein sog. Schütter, funktionierte: man öffnet die Klappe und hält die Tasche schräg, sodass der Inhalt auf das Stoffutter der Innenseite vorgleitet.
[..] In den Taschen der Sarggräber Bj 819 und 904 gibt es keine Spuren ihres Inhalts. [..]

Dass die Taschen von Typ 3 Gürteltaschen waren, zeigt ein Vergleich mit dem übrigen Material deutlich. An der Lage in den Gräbern von Birka erkennt man, dass die Taschen in Bj 716, 731 und wahrscheinlich auch in 819 vom Gürtel herabhingen, [..].

– Anne-Sofie Gräslund,

„Beutel und Taschen“, Birka II, Bd.1, 1984

Meine Reproduktion habe ich bereits in Haithabu begonnen, nämlich mit dem großen Blechbeschlag. Diesen habe ich während des Sommermarkts zugeschnitten und begonnen, ihn zu punzieren. Da ich eine simple Dreieckspunze damals noch nicht hatte, habe ich mir ein wenig künstlerisch-improvisatorische Freiheit genommen und eine Dreieckspunze mit Punkten verwendet. Das Blech ist im Original aus zwei Teilen – die mittlere Leiste verdeckt die Fuge. Ich habe es nicht über mich gebracht, das schöne Blech zu zersägen, daher habe ich es so gelassen.
Nach einiger Liegezeit zuhause habe ich dann im Herbst erst einmal reichlich am Blech herumpoliert, während ich mir überlegt habe, wie ich das Rahmenblech vernünftig ausgeschnitten bekomme. Im letzten Jahr habe ich einen Prototyp zusammengefummelt, bei dem ich eine abenteuerliche Kombination aus Dremel mit Trennscheibe, Bohrer und Fräse verwendet habe und deren Verarbeitung dementsprechend wenig ästhetisch war. Außerdem ist die Herstellungsweise recht wenig zeittypisch gewesen.

Viel zeittypischer habe ich es diesmal auch nicht gemacht – aber zumindest nicht elektrisch. Ich habe meine gute alte Laubsäge ausgepackt, mir von Vatern einen Sägetisch geliehen und den Rahmen ausgesägt. Mit einer passenden Punze wurde dann noch die doppelte Strichdekoration angebracht.
Ich glaube, daß im Original der Rahmen nicht aus einem Stück ist; die Fotos geben darüber keinen hundertprozentigen Aufschluß. Es könnte sein, daß es sich um Korrosionsauswirkungen handelt; die Nietung legt beide Möglichkeiten nahe. Ich habe mich dafür entschieden, den Rahmen aus einem Stück anzufertigen; materialsparend ist das allerdings nicht. Der Mittelsteg ist aus einem Reststück entstanden, das noch herumlag.
Alle Blechteile sind aus verschiedenen Messinglegierungen, die leicht unterschiedlichfarbig sind – aber das sieht im Zusammenspiel recht schön aus.

Tasche aus Bj819 im noch nicht zusammengebauten Zustand.

Tasche aus Bj819 im noch nicht zusammengebauten Zustand.

Die Tasche selber habe ich mit Leinenzwirn aus einem vegetabilen Leder genäht. Da Geld und Hacksilber hinein sollte und ich bei anderen Gürteltaschen schon feststellen mußte, daß durch die Bewegung beim Laufen gern mal etwas verloren geht, wollte ich noch ein bißchen zusätzliche Sicherheit schaffen und das Geld in seiner Bewegungsfreiheit weiter hemmen. Also habe ich aus Leinen (wir haben da noch den einen oder anderen Ballen…) eine kleine Klappe genäht, die mit einer Lasche aus einem Rest Brettchenborte (Material: Wolle oder Leinen, Muster nicht für Birka belegt) herausgezogen werden kann. So kann auch beim Laufen nichts ‚rausfallen.

Tasche aus Bj819 - fertig

Tasche aus Bj819 – fertig

Zur Praktikabilität des Täschchens (rechts seht Ihr das fertige Exemplar kann man folgendes sagen: Viel paßt nicht rein. Das recht kleine Format (etwa 10x10cm) erlaubt kaum eine Nutzung für „moderne“ Zwecke (Autoschlüssel, Scheckkarte, Telefon) auf Veranstaltungen. Es paßt am ehesten Klein- und Scheingeld in das Täschchen, oder ein Feuerstahl + Feuerstein + etwas Zunder. Eine größere Gürteltasche ist also eigentlich unerläßlich, wenn man seine Autoschlüssel nicht im Zelt lassen möchte. Und für einen Knaben ist die Größe ideal – ich freue mich schon darauf, Thore auch so ein Täschchen zu basteln.

Und hier noch ein abschließendes Bild der Tasche mit ihrem Inhalt.

Reproduktion Tasche aus Bj819 - offen

Reproduktion Tasche aus Bj819 – offen

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