„Graben für Germanien“, Focke-Museum Bremen

So, da sind wir wieder von einem ereignisreichen und fast computerfreien Wochenende. Auf dem Rückweg haben wir heute noch einen Abstecher nach Bremen zur Ausstellung „Graben für Germanien“ gemacht, die vorab von verschiedenen Bekannten hoch gelobt wurde.

Ich war ziemlich enttäuscht.

Daß der Fokus der Ausstellung auf Politik und nicht Archäologie liegt, war ja klar, aber daß alles derart krawallig rüberkommt, fand ich gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Wir hatten zudem noch das „Glück“, einen geführten Rundgang mithören zu müssen – die museumspädagogische Mitarbeiterin schien über Auswendiggelerntes hinaus wenig beschlagen zu sein. Einiges konnte ich wörtlich mitsprechen – etwa den Wikipedia-Artikel über Herbert Jankuhn. Und die geführte Gruppe, offenbar alles verrentete Akademiker, war bisweilen nachgerade penetrant. Diese blasierte Mischung aus „wir wissen alles besser“ und „die schlimmen Nazis“ finde ich ziemlich anstrengend. Aber eine Ausstellung kann sich ihre Besucher wohl kaum aussuchen – oder doch?

Das Thema an und für sich ist ja durchaus spannend, denn die Verflechtung vieler später bedeutsamer Archäologen – allen voran Herbert Jankuhn, dem die Haithabu-Forschung viel verdankt – mit Nationalsozialismus und Zwangsarbeit ist in der Tat genauso bedenklich wie deren halbgarer „Germanenglaube“.

Die Umsetzung war jedoch wenig erhellend. Die wenigen tatsächlich frühgeschichtlichen Exponate (überwiegend Repliken) waren hauptsächlich „Kronzeugen“ für das verkürzte Geschichtsbild der Nazis und die Ausstellung ist insgesamt extrem textlastig. Komplette Stelen, die ausschließlich aus erklärendem Text, Briefen etc. bestehen, finde ich keine gute Beschäftigung mit dem Thema. Es hätte ja ausreichend multimediales Material gegeben… Einige der zeitgenössischen Briefe, mit denen sich die Wissenschaftler gegenseitig beharkten, lasen sich zwar recht unterhaltsam, aber das hätte ich vermutlich auch zuhause auf dem Sofa lesen können. Amüsant war einiges der Populär- und Schulliteratur aus der Nazizeit, etwa ein Comic über den falschen und richtigen Umgang mit Bodenfunden.

Daß sich die Ausstellungsmacher schlußendlich im letzten Raum nicht entblöden, auch die plattesten Klischees zu bedienen, um die angeblich „fortwährende Verklärung des Germanenmythos“ zu beweisen, das stößt mir wirklich sauer auf. Da wird ein Playmobil-Wikingerschiff mit „Hier, die Wikinger, komplett mit Hörnerhelmen – die hat es überhaupt nicht gegeben“ kommentiert und sogar kulinarischer Merchandise zu „Wickie und die starken Männer“ wird als Vehikel herangezogen, um den Germanenmythos nachzuweisen. Dieser Mythos – so ärgerlich er für Wissenschaftler sein mag, da es „den Germanen“ nun einmal nicht gegeben hat, ist aber keine Kreation der Nazis, sondern des 19. Jahrhunderts. Und wem wir die unverwüstlichen Hörnerhelme zu verdanken haben, ist ja auch sattsam bekannt. Daß sich die Ausstellung derart an diesem populär geprägten Germanenbegriff aufhängt, ihn gar zu einer Art Dreh- und Angelpunkt der gesamten Argumentation macht, finde ich befremdlich. Und wenn dann die Führerin nicht ohne Stolz in der Stimme behaupten, „ja, mit dem Spiegel [Magazin, d.A.] haben wir uns ja auch angelegt wegen deren Germanen-Sonderheft“, dann wird’s albern. Was will man denn wem beweisen?

Und dann gibt es noch die „Neonazivitrine“, die ich leider nicht komplett sehen konnte, es standen blasierte Rentner davor. Was ich sah, war unter anderem eine graue Wachskerze mit Futhark-Aufschrift. Und die hatte ich kürzlich in der Tat schon einmal gesehen. Nicht beim Skinhead um die Ecke – nein, im Museumsshop des Wikingermuseums Haithabu. Sollte das lustig sein? Ein Seitenhieb auf die Schleswiger, die mit dem Verleih von Exponaten dem Vernehmen nach mehr als zurückhaltend waren?

Eine Etage tiefer, im Shop des Focke-Museums, gab es dann ein Buch über Reiterkrieger. Auf dem Titel: Ein Foto der Reenacter von „Ulfhednar“, die selber massiv in der Kritik standen – wegen vermutetem und in mindestens einem Falle tatsächlichem Liebäugeln mit der rechten Szene.
Da muß ich mich dann fragen: Ist das nur Naivität oder schon Bigotterie? Wenn man schon andere Museen und Firmen anpöbelt wegen „germanisierten“ Merchandise, dann muß man auch mal vor der eigenen Tür kehren.

Insgesamt finde ich die Ausstellung wenig empfehlenswert – man sollte stattdessen bei echtem Interesse am Thema ein Buch lesen. Die Ausstellung erliegt letztlich derselben Propaganda, die sie zum Inhalt hat, nur eben in eine andere Richtung.

4 Gedanken zu „„Graben für Germanien“, Focke-Museum Bremen

  1. Mir haben im Grunde schon die Artikel in der Lokalpresse hier oben gereicht zum Thema „Haithabu will keine Funde herausgeben“. Aus dem Kontext heraus war das von dir beschriebene schon zu befürchten. Wobei Wickie-Kekse o.ä. als Ergebnis fortwährender Germanen-Glorifizierung zu sehen schon fast wieder lustig ist. Passend dazu findet man zumindest in Schleswiger Supermärkten auch „Wikinger-Röllchen“.

    • Naja, man kann das schon differenziert sehen mit der Gottorf’schen Ablehnungshaltung. Natürlich wird ein gewisses Maß an Zurückhaltung von der Thematik und dem befürchteten Imageschaden herrühren – aber der ist ja illusorisch.
      Außerdem ist das ganze Hin und Her natürlich eine prima PR für die Ausstellung in Bremen – was wäre denn, wenn Haithabu bereitwillig Schwert und Schiff rausgerückt hätte und womöglich noch irgendwo eine Brosche mit Swastikamotiv aufgetaucht wäre? Wo wäre da der Skandal?
      Insgesamt fand ich die inhaltlichen und präsentationsmäßigen Schwächen aber schlimmer als diese selbst produzierte „Kontroverse“.

  2. Ich kann diesem Text einfach nur zustimmen.
    Nach dem ich gute Kritiken gelesen hatte bin ich wirklich in diese Ausstellung gegangen und war mehr als entäuscht.
    Ich habe mich in meiner Freizeit mal mit Ausgrabungen der Nazis beschäftigt.
    In der Ausstellung wird grob gesagt kaum ein gutes Haar an den Ausgrabungen gelassen.
    Nirgends wird nur annähernd über das gründliche und aufopfernde Sicherstellen der von den Nazis gefundenen Exponaten berichtet.Überschriften wie z.B. Ausbeutung oder Bestechung sollen dem Besucher erzählen wie schlecht die Nazis gewesen sind. Da wird sich aufgeregt weil Kriegsgefangene bei den Ausgrabungen mitarbeiten sollten ( nach meiner Erkenntnis ist dieses sogar heute noch legetim (( Zitat: Wiki Haager Landkriegsordnung …..Mannschaftsdienstgrade kann der Gewahrsamsstaat zu nichtmilitärischen Arbeiten heranziehen )) auch wird unter Bestechung suggeriert das die bösen Nazis andere z. B. Norweger bestochen haben. Hier wird aber ein Brief ausgestellt der eher zeigt das die Elite der Norweger eher „Erfüllungsgehilfen “ der Engländer waren und die eigenen Ausgrabungen nicht selbst finanzieren konnten und darum der Verein “ Ahnenerbe “ um Mittel gebeten worden ist. ( die obwohl Krieg herrschte Bewilligt worden sind ).
    Auch gibts sehr viel Politisches dummes Zeug gequatsche dort zu sehen z.B. Böhmen und Mähren ( Sudetenland ) [Link weggekürzt, ich will hier keinen Vertriebenenkram, Arnulf]
    Der letzte Raum ist eher ein Raum für Hirnlose manipulierte und verdummte Menschen.
    Wiki mit den Hörnchen mit Skinheads ( Bewegung hat den Ursprung in England ) oder Amerikanischen Skinheadsbands oder Hooligangs ( die es in jedem Land der Erde gibt und aus dem Fußball kommt ) auf eine Stufe zu stellen ist total daneben.
    Auch zu schreiben wie in der hinteren Vitrine zu lesen ( Germanen hat es nie gegeben ) (( ich hoffe ich habe es noch richtig in Erinnerung )) ist mehr als Schwachsinnig .. WARUM: Tazitus hat den Begriff “ Germanen “ gebildet das in Deutschland keine Menschen aus dem Morgendland oder aus dem Asiatischen Raum gelebt haben ( vieleicht irgendwann vor Jahrtausenden hochgewandert was auch kontrovers Diskutiert wird ) ist doch jedem klar. Auch ist doch schon vor den Nazis bekannt gewesen das die Völker in Deutschland bzw. auch die “ Nordländer “ ihre Geschichten nur durch Erzählungen verbreitet haben und eben nicht aufgeschrieben haben. Verwunderlich ist das Bücher wie z. B die Bibel als Aufzeichnung der Geschichte benutzt wird ( meines Erachtens ist die Bible sowie der später enstandene Koran eher als Märchenbuch zu verstehen. Die Geschichten der Urvölker, wie sie im Amazonas von den Eingeborenen Völker noch erzählt werden sind für mich eher als Geschichtsbücher oder ähnliches zu verstehen.

    Ich für meinen Teil mußte mir das mal von der “ Seele “ schreiben obwohl ich auch hier sagen muß das ich nur die Redewendung benutze und nicht an eine “ Seele “ glaube.
    Für mich ist es so das Tazitus die verschiedenen Völker oberhalb des Rheines als Germanen bezeichnet und somit diese Völker vereinheitlich hat ( was nicht falsch ist ).
    Schlußendlich ist noch anzumerken das eine Völkerwanderung statt gefunden hat und heute noch z.B. Kinder in anderen Kulturen geboren werden die eher “ Nördisch “ aussehen als ihre eigenen Eltern ( leider fällt mir der Link nicht mehr ein, aber es gab mal eine seriöse Dokumetation darüber im TV ).

    Nun noch eins zum Abschluß zum “ Nachdenken “ …. ist die Genuntersuchung nicht schon so weit herauszufinden wo ein Mensch seine Wurzeln hat ???!!!

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