Reenactorismen: Die Warägerschiene

Dieses Blog ist nicht zuletzt inhaltlich in den letzten zwei Jahren sehr ins Hintertreffen geraten, weil wir uns deutlich mehr auf Facebook als hier engagiert haben. Das hat viele Gründe, einer ist aber sicher die doch höhere Intensität und Quantität (wenn auch vielfach nicht Qualität) des Feedbacks. Wir haben viele interessante, teilweise auch ermüdende Diskussionen zu Reenactment-spezifischen Themen geführt. Eines davon sind immer wiederkehrende, aber nicht mit Fakten zu untermauernde Mythen des Reenactor-Daseins – die sogenannten „Reenactorismen“ oder „Reenactorisms“.

Ich werde in den nächsten Monaten immer mal wieder einige dieser Themen, die auf Veranstaltungen oder in Online-Diskussionen häufig wiederkehren, aufgreifen und auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen.

Heute: Die Warägerschiene. Just heute morgen sah ich im Facebook-Feed die Anzeige eines Händlers aus der Wikiszene, in der „Waräger-Armschienen“ zum Verkauf standen und bekam eine Gänsehaut. Handelt es sich bei diesen Gerätschaften doch um einen Gegenstand, der den Inbegriff eines Reenactorismus‘ darstellt. Aber von vorne…

Warägerschienen im modernen Frühmi-Reenactment

Waräger-Beinschiene (Quelle: Ulfberth/Battlemerchant)

Wat is‘ een  Warägerschien‘? Da stellemer ons mal jans domm. Dat do lings is‘ een Warägerschien‘. Es handelt sich bei diesem Artikel um Stahlstreifen, aufgenietet auf zwei bis drei Lederbänder und dann verwendet entweder als Waden- oder Unterarmrüstung für Frühmittelalter-Darsteller (vulgo: „Wikis“).

Diese Schienen werden in verschiedenen Ausprägungen von verschiedenen Händlern und Herstellern angeboten – oft als „Warägerschienen“ oder so ähnlich – in diesem Fall, und das möchte ich lobend erwähnen, „nur“ als „Wikinger-Schienen“.
Zum Kämpfen ohne Frage praktisch, zumal beim Kampf mit erweiterter Trefferzone („Huscarl“). Aber auch authentisch im Sinne von „zwischen 8. und 11. Jahrhundert von Nordeuropäern genutzt? Schau’n wir mal.

Die Faktenlage

Wenn man sich die Rüstungsfunde aus dem nordeuropäischen Frühmittelalter nach der Völkerwanderung und vor dem Hochmittelalter ansieht, muß man weinen. Gerade für uns Wikis gibt es eine geradezu mitleiderregend geringe Auswahl an durch Fundgut erhaltenen Möglichkeiten, uns adäquat zu rüsten. Von der Abwesenheit von Lederrüstung oder Gambesons will ich gar nicht erst anfangen – eiserne Körperpanzerung ist genauso spärlich vertreten. Schaut man abseits der Torsopanzerung auf Arme und Beine des Kombattanden, so gibt es überhaupt keine Funde, die in die Zeitstellung „Wikingerzeit“ (ich verwende in der Regel nach wie vor „Lindisfarne bis Hastings“ als Indikatoren passen.

Reproduktion der Arm- und Beinrüstung aus Valsgärde Grab 8 (Copyright Wulfheodnas)

Reproduktion der Arm- und Beinrüstung aus Valsgärde Grab 8 (Copyright Wulfheodnas)

Es gibt jedoch Arm- und Beinschienen aus Valsgärde, genauer gesagt aus Valsgärde 8. Es handelt sich dabei um ein vendelzeitliches Grab aus Schweden (Valsgärde ist in Spuckweite von Vendel und Gamla Uppsala, eine halbe Autostunde von Stockholm), das deutlich vor der Wikingerzeit angelegt wurde. Die dort gefundenen Metallstreifen nebst Kettenresten wurden zunächst als Torsopanzerung interpretiert, die aktuelle Interpretation geht aber von Arm- und Beinschienen aus. Insbesondere letztere machen bei Fußkämpfern gar nicht soooo viel Sinn, wie das der schienbeingeschädigte moderne Huscarlkämpfer glauben mag und waren wohl eher für Kavalleristen gedacht.

Nur um das noch einmal fett zu erwähnen: Die Valsgärde-Schienen sind nicht wikingerzeitlich!

Reiterkrieger auf Kelch aus Nagyszentmiklós (Kunsthistorisches Museum Wien)

Reiterkrieger auf Kelch aus Nagyszentmiklós (Kunsthistorisches Museum Wien)

Und dann wird die Luft, was Funde anbetrifft, auch schon dünn. Um nicht zu sagen: Zum Vakuum. Eine weitere Quelle, die oft zitiert wird, sind zwei Bilddarstellungen – zum Einen ein Felsrelief mit einer Goliathdarstellung, die möglicherweise so etwas ähnliches wie „Warägerschienen“ („splinted armour“) trägt, zum Anderen eine SilberGoldschale (Danke Stradiot!), gefunden im  heutigen Rumänien, die einen Reiterkrieger (Chasaren oder ähnliche Stämme, also Steppenomaden) zeigt. Diese ist verkleinert links abgebildet.

Die Zeitstellung paßt, aber handelt es sich hier wirklich um die Sorte Krieger, mit der „Wikinger“ oder „Waräger“ viel zu tun hatten? Nicht wirklich. (Zum Warägerbegriff später mehr, hier nutze ich den Begriff „Waräger“ als Synonym für „Mitglied der oströmischen Warägerwache“.)

Man kann mit etwas gutem Willen einen Zusammenhang zwischen den beiden Gruppen – also den chasarischen Reiterkriegen und den Vasallen des oströmischen Reichs in Byzanz – herstellen und unterstellen, daß „die ja nicht doof waren“ und so. Aber Fakten sehen anders aus. Und auch die byzantinischen Militärhandbücher (die ich nicht vorliegen habe, ich muß mich daher auf für gewöhnlich gut informierte Sekundärquellen verlassen) erwähnen keine Rüstung an Armen und Beinen, wie das oft kolportiert wird (Quelle: Peter Beatsons prima Artikel über Schienenrüstung für Gliedmaßen). Daß Waräger die Arm- und Beinschienen im Dienst für den oströmischen Kaiser getragen und so in Skandinavien „wieder bekannt gemacht“ haben, ist also auch kein plausibler Denkansatz. Überhaupt dürfte es weder üblich noch erlaubt gewesen sein, hochwertige Ausrüstungsteile nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst bei der Warägerwache mit nach Hause zu nehmen – und wir haben dafür auch keine wirklichen Nachweise in bezug auf Arm- und Beinrüstung.

Von der Spekulation zum Reenactorismus

Nun ist die Faktenlage ja das Eine – aber wie schafft es ein mindestens zweifelhaftes Stück Ausrüstung eigentlich, fester Bestandteil so vieler Kits zu werden und trotz seiner schwummrigen Fundlage so wenig Zweifel zu verursachen? Hier kommt die Sekundärliteratur ins Spiel.

Warägerkrieger aus T.Verhülsdonk "die Wikinger" (c) VS-Books

Warägerkrieger aus T.Verhülsdonk „die Wikinger“ (c) VS-Books

Wenn man einmal sucht, findet man im bekannten Buch „Die Wikinger“ von T. Verhülsdonk et al. eine weitere bildliche Darstellung einer „Warägerwache“ sowie ausführliche Erklärungen dazu, nebst Detailbildern der Arm- und Beinschienen. Die Bilder dieses 1997 erschienenen Buches zeigen Reenactoren, der Mythos muß also zu diesem Zeitpunkt schon in der Welt und als „wahr“ akzeptiert gewesen sein. Da kann es also nicht herkommen.

Also schauen wir mal über den Kanal nach Großbritannien und nehmen uns der dortigen militärhistorischen Populärliteratur an.

Waräger aus "Byzantine Armies", Osprey Publishing

Waräger aus „Byzantine Armies“, Osprey Publishing

Die berühmt-berüchtigten Osprey-Bücher zeigen (im Band „Byzantine Armies“, Erstauflage 1979) Warägerkrieger des 10. Jahrhunderts mit Bein- und Armschienen; in der mageren Erklärung zu der Bildtafel wird allerdings keinerlei Quelle genannt. Auch Osprey scheint sich eher bei Hörensagen zu bedienen und nicht an realen Funden zu orientieren.

Nun ist dieser Mythos also bereits älter als derjenige, der über ihn schreibt. Und doch geht es in der Zeit noch ein Stückchen zurück. Die älteste Darstellung der „Waräger-Beinschienen“, die ich finden konnte, datiert noch einmal 3 Jahre früher, stammt aber auch aus einem Buch von Ian Heath (der für das Osprey-Buch „Byzantine Armies“ verantwortlich zeichnete. Es handelt sich um eine Strichzeichnung aus „Armies of the Dark Ages“, das eher als Supplement für Pen&Paper-Rollenspiele denn als historisches oder historisierendes Fachbuch gedacht war. Und ich darf jetzt voller Stolz den wahrscheinlichen Ursprung der Reenactor-Legende von der Waräger-Beinschiene präsentieren: Ein schwarz-weißes Männchen von 1976.

Varägerwache aus "Armies of the Dark Ages", 1976

Varägerwache aus „Armies of the Dark Ages“, 1976

Fazit

Es gibt keine wikingerzeitlichen Funde oder zeitlich und räumlich passenden bildlichen Darstellungen zu „Warägerschienen“, sie gehören also nicht in ein skandinavisches wikingerzeitliches Kit, das Anspruch auf Authentitzität auf dem Schlachtfeld erhebt. Auch dann nicht, wenn man einen „Waräger“ darstellt.

Möchte man die Schienen aus praktischen Erwägungen trotzdem tragen, ist das natürlich OK. Man sollte nur nicht versuchen, dafür einen historischen Überbau zu konstruieren – den gibt’s nämlich nur in der Rollenspiel-Literatur.

3 Gedanken zu „Reenactorismen: Die Warägerschiene

  1. Sehr schön! Hatte mal vor Jahren in die gleiche Richtung recherchiert. (Begonnen um einer tödlich langweiligen Vorlesung zu entfliehen.) Hab´s auch nur bis „Byzatine Armies“ geschafft.

    Danke!

  2. Pingback: Freikampf: Praxis – Möglichkeit – Kritik | Stradiot

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